Broad Peak
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 Gipfellogbuch

Der Weg zum Gipfel des Broad Peak

Der offizielle Bericht n° 8 der österreichischen ÖAV Karakorum Expedition 1957.

Lager III auf 6950m am 8. Juni 1957 © Fritz Wintersteller
Lager III auf 6950m am 8. Juni 1957 © Fritz Wintersteller

  Schönes Wetter veranlaßte uns zur Eile, wir unterbrachen unsere Erholung vom ersten Gipfelangriff im Hauptlager, und sind in zwei Tagen zum Lager III bei Überwindung von 2.050 Höhenmetern herauf gekommen. Waren dieses Mal unsere Lasten nicht so schwer so sorgten die Schnee- und Windverhältnisse für unsere volle Beanspruchung. Lager II mußte, bevor wir es beziehen konnten, wieder vom Schnee frei geschaufelt werden, und unser Zelt im Lager III wurde vom Wind aufgerissen und mußte provisorisch geflickt und innen von Schnee und Eis befreit werden.

Es war Pfingstsamstag der 8. Juni am späten Nachmittag, als uns beim Vorkochen unseres Frühstückgetränkes auch noch der Brennstoff ausging. Wir hatten Gott sei Dank schon so viel Tee und Haferbrei, daß wir für den Abend und den kommenden Morgen so leidlich auskamen. Ein herrlicher Abend war uns auf dem ausgesetzten Lager III, welches aus zwei Spezialzelten bestand die auf der Eiskanzel des Knies standen, beschieden. Alle waren wir in guter Verfassung und das Wetter erschien uns sehr verläßlich, somit waren die Voraussetzungen für den geplanten Gipfelangriff, bei dem es wohl noch 1.100m an Höhe zu überwinden galt, gegeben.

Eine sternenklare mondhelle Nacht einzelne Windböen treiben Pulverschnee auf unser Gesicht, welches zum Atmen gerade noch vom Schlafsack freigelegt ist. Um 2 Uhr morgens höre ich die Stimme Hermanns aus dem Nachbarzelt, die von einem Aufbruch bei Mondlicht spricht. Im Halbschlaf antworte ich unklar. „Ich bin der Meinung, daß wir bei Tageslicht wesentlich schneller unser Ziel erreichen und nicht durch unnötiges Stolpern unsere notwendigen Kräfte verbrauchen“. Unruhig bleiben wir noch bis 3 Uhr 15 liegen, denn um 3 Uhr 30 wollen wir mit Beginn des Tages aufbrechen. Angezogen liegen wir im Schlafsack, denn jede Bewegung bei einer Temperatur von -20 Grad und in 7.000m Höhe kostet Mühe und Überwindung. Ich richte mich mit dem angeschneiten Schlafsack auf und versuche mit den Sturmzündern die Kerze anzuzünden. Erfolg habe ich dabei erst nachdem ich das Zelt geöffnet habe. Es fehlte scheinbar dem Feuer der nötige Sauerstoff. In den Schlafsäcken, beim fahlen Schein der Kerze sitzend, genießen wir den vorbereiteten Haferbrei mit Ovomaltine, der nur noch von Wärme ahnen läßt, und den halbwarmen Tee. Wir müssen unsere wärmende Hülle verlassen um Windhose und Überschuhe anzuziehen, dann aber wird der Zelteingang ganz geöffnet. Eine Kältewelle fährt uns entgegen. Ohne Handschuhe werden schnell die Steigeisen vor dem Zelt angezogen, indessen die Finger schon gefühllos zu werden beginnen. Fritz schließt unser Zelt. Mit einem Schistock und dem Eispickel in den Händen stapfen wir den mit etwas Schnee bedeckten Eisbuckel im Morgengrauen hinauf.

Bald spüren wir trotz Roßhaarsocken, Wollstrümpfen, Filzpatschen, Schuhen und Perlonüberschuhen die Kälte in unseren Zehen. Wir bleiben mehrmals stehen und schwingen, vom Höhenhusten geplagt keuchend unsere Füße, um die Blutzirkulation bis in die Zehenspitzen, die bedenklich bedroht sind, aufrecht zu erhalten. Hermann und Kurt kommen nach, auch ihnen setzt die Kälte ebenso zu.  

Auf 7100m Höhe am 9. Juni 1957 © Fritz Wintersteller
Auf 7100m Höhe am 9. Juni 1957 © Fritz Wintersteller


Der K 2, der zweithöchste Gipfel unserer Erde, leuchtet schon im oberen Teil im Sonnenlicht, während wir uns im Schatten des Broad Peak im lockeren und windgepreßten Pulverschnee gegen die zunehmende Kälte und den Sauerstoffmangel die steilen Flanken aufwärts kämpfen. Gegen 9 Uhr erreichen uns die ersehnten ersten Sonnenstrahlen in zirka 7.550m Höhe. Wir setzen uns sogleich zur ersten Rast nieder. Ein Schluck Tee aus der Thermosflasche und ein Stück Zwieback schmecken uns hier noch ausgezeichnet. Wir raffen uns dann wieder auf um den steilen Hang bis zur Mulde unterhalb der Scharte hinauf zu stapfen.
Abwechselnd spurend erreichen wir die Mulde.

Marcus Schmuck auf 7550m Höhe © Fritz Wintersteller
Marcus Schmuck auf 7550m Höhe

© Fritz Wintersteller

  Von hier zieht die Schartenflanke bis zu 45 Grad steil 250 m empor. Es sind dies wohl die anstrengendsten Meter die uns auf dem ganzen Anstieg bevorstehen. In der Sonne sitzend massieren Fritz, Hermann und Kurt ihre schon leicht erfrorenen Zehen, während ich es noch mit dem Füßeschwingen versuche. Um 11 Uhr in humorvoller Form von Fritz aufgefordert beginne ich mit dem Spuren an der Flanke. Fritz folgt. Wir wechseln uns in der anstrengenden Stapferei ab. Ein jeder treibt die Spur um 40 Schritte empor, tritt dann einen Schritt zur Seite, rammt den Pickel ein, und mit geschlossenen Augen sich an den Pickel haltend in die Knie sinkend, versucht man die auf Hochtouren arbeitenden Atemorgane zu beruhigen und sich zu erholen. Fritz kommt an mir vorbei, wie eine Maschine stelle ich mich hinter ihm in die Stufen. Es ist eine ungeheure Erleichterung nicht bis zu den Waden bei jedem Schritt einzubrechen oder plötzlich zu bemerken, man bricht nicht durch die Schneedecke, sondern steht auf blankem Eis und muß mit den Zehen und Vorderzacken der Steigeisen das ganze Körpergewicht vor dem Abgleiten in die Tiefe bewahren.


So mühen wir uns drei bis fünf Atemzüge pro Schritt machend, hinauf zu dem herabhängenden Seilende, welches wir beim ersten Versuch hängen ließen. Vor uns sind die letzten 40m zur 7.900m hohen Scharte zwischen Haupt- und Mittelgipfel des Broad Peak. Fünf Schritte ziehe ich mich entlang des Seiles auf, immer durch die Schneedecke bis zu den Hüften einbrechend, kann ich

mich kaum vor dem Weggleiten von den verschneiten Felsen bewahren. Meine Atempausen benützt Fritz um aufzuschließen. Es ist dies nun jene schwierige Felsstelle, eine Verschneidung, die Fritz bei unserem ersten Versuch für uns mit dem Seil versehen hat, und uns damit eine wesentliche Erleichterung und vor allem eine Sicherheit geschaffen hat. 100m tiefer folgen Hermann und Kurt. Es ist ihnen zu unserem Bedauern nicht mehr möglich uns in der Spurarbeit abzulösen. Kriechend erreiche ich die Scharte, drehe mich um und sitze in dem noch schrägen Schartenhang, den Kopf auf die Knie gestützt und höre nur noch meine raschen Atemzüge. Es ist 12 Uhr 45. Wir liegen beide im Schnee und warten auf unsere Kameraden, um von hier den Gipfelgang gemeinsam fortzusetzen, Langsam erholen wir uns. Um 14 Uhr trifft Kurt ein. Hermann ist noch unterhalb der Felsstelle. Fritz und ich entschließen uns in Anbetracht der fortschreitenden Zeit die mörderische Stapferei fortzusetzen. Kurt wartet auf Hermann.  

Fritz Wintersteller auf 7800m © Marcus Schmuck
Fritz Wintersteller auf 7800m

© Marcus Schmuck

Es kommen uns kaum Gedanken, die uns von der Erreichung unseres Zieles ablenken. Wir kommen dem Gipfel, den Fritz und Kurt vor 11 Tagen erreicht haben, langsam näher. Ist dies der Gipfel oder nicht? Diese Frage beschäftigt uns während des Gehens ständig. Beim ersten Versuch war es nebelig und es konnte nicht festgestellt werden ob dies die höchste Erhebung ist. Wir wußten das es mehrere Gipfel Erhebungen gibt, welche aber von ihnen ist die höchste.

Wir kommen zur schwierigen Felsstelle am Grat. Es ist ein kurzer Kamin. Mit Händen, Füßen und Körper arbeite ich um mich überhaupt hinauf schleppen zu können. Oberhalb dieser Kletterstelle knie ich wieder im Schnee und muß meinen Atemorganen nachgeben. Inzwischen ist es 15 Uhr geworden. Rasend schreitet die Zeit fort, w ährend wir nur langsam an Höhe gewinnen. In der achttausend Meter Zone braucht eben ein Gipfelgang um ein Vielfaches mehr an Anstrengung. Bevor wir wieder weitergehen, stellen wir fest, daß wir uns in der sogenannten Todeszone befinden und eigentlich noch in guter Verfassung sind, obwohl wir nie zusätzlichen Sauerstoff bekommen haben. Ich schreibe unsere gute Kondition nur der vielen Arbeit zu, die wir während des Aufbaues der Hochlager leisten mußten.

Wir haben in der Erschließungsgeschichte des Himalaja als erste und außerdem als Kleinexpedition mit uns selbst experimentiert und haben ohne Hochträger, bis zu 25 Kg zwischen 5.000 und 7.000m Höhe täglich oft mehr als 1.000m höher geschleppt. Die außerordentlich großen Höhenunterschiede zwischen den einzelnen Lagern betrugen:

Hauptlager: 4.900

Lager I: 5.800 (900m)

Lager II: 6.400 (600m)

Lager III: 6.950 (550m)

Es war keine Seltenheit, daß wir vom Hauptlager in einem Zuge zum Lager II aufstiegen.

Broad Peak Blick zum Hauptgipfel © Fritz Wintersteller
Broad Peak Blick zum Hauptgipfel © Fritz Wintersteller

  10 Meter trennen uns noch von dem am 29. Mai erreichten Gipfel. Mit der letzten Willenskraft erreiche ich den von Fritz errichteten kleinen Steinmann. Ich bin nicht besonders begeistert als ich weit drüben den etwas höheren Ostgipfel erkennen muß. Nach kurzer Schnaufpause entschließen wir uns mit dem vielen Auf und Ab des zum Hauptgipfel hinziehenden Grates zu beginnen. Schon mahnt uns die Zeit nichts zu versäumen, denn wir befinden uns schon in der 13. Aufstiegs-stunde.

Ich stapfe an der Westseite des Grates entlang, denn die Nordostseite fällt einige tausend Meter fast senkrecht ab. Der letzte Gipfelaufbau ist nun vor uns. Wir stehen 20m darunter auf den letzten Felsen. Ehrfurchtsvoll und glücklich stehen wir da. Ein jeder fordert den andern auf die letzten Schritte zum Gipfel als erster zu beginnen, bis wir schließlich diese gemeinsam tun.

17 Uhr 5 ist es als wir auf der riesigen Wächte des 8.047m hohen Broad Peak Hauptgipfels stehen. Ein wortloser Händedruck war alles was wir zum Ausdruck brachten. Unser Ziel ist erreicht. Wiederum kostet es uns viel Überwindung um die unbedingt notwendigen Gipfelaufnahmen zu machen. Unsere Wimpel werden aus dem Rucksack genommen, an dem Eispickel befestigt und aufgenommen. Dies hört sich sehr einfach an; doch die Handschuhe ausziehen, sich der Kälte aussetzen, den Rucksack öffnen, die Wimpel am Eispickel befestigen, die Fotoapparate zu betätigen und alles wieder zu verpacken, kostet viel unserer noch bescheiden vorhandenen Kräfte. Meine Apparate arbeiten nicht mehr, doch die Leica von Fritz funktioniert mit alter Sicherheit und so ist es möglich das Panorama festzuhalten.

 

 

Am Gipfel des Broad Peak am 9. Juni 1957 17:05 Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller © Fritz Wintersteller
Am Gipfel des Broad Peak am 9. Juni 1957 17:05

Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller

© Fritz Wintersteller

Gipfelpanorama mit Masherbrum II © Fritz Wintersteller
Gipfelpanorama mit Masherbrum © Fritz Wintersteller

 

Die Sonne steht schon drohend tief und wir haben noch den langen Abstieg vor uns. Erst ein langer Grat mit vielen Gegensteigungen, dann ein 1.100m tiefer Abstieg über Schnee und Eisflanken zum Lager III. Wir können nur ganz kurz in die Runde blicken um das Meer, der von der späten Sonne bestrahlten Karakorumberge, zwischen tibetisch Sinkiang und Baltistan zu sehen. Im Norden der K 2 mit 8.611m der von der italienischen Großexpedition mit ungeheurem Aufwand erschlossen wurde, im Osten die etwas niedrigeren Berge von Sinkiang, im Südosten

und Süden die Achttausender Gasherbrum II und Hiddenpeak. Weiter draußen im Südwesten die stolze Pyramide des Masherbrum, der beinahe unser Ziel werden sollte, dann fließt wie ein Riesenstrom der Baltorogletscher hinaus, begrenzt von der imposanten Gestalt des Paijupeaks. Unverkennbar ragt 200km weiter westlich die massive Gestalt des Nanga Parbat über die letztgenannten Gipfel empor. Neben unzähligen Gipfeln im Nordwesten sticht besonders die kühne Gestalt des Mustagh Tower hervor.

Ja, und wo sind unser beiden Kameraden, wir wollten doch alle gemeinsam am Gipfel stehen. Wir erkennen am Vorgipfel eine Gestalt, die sich nun über den Grat zu uns herüber bewegt. Wir sind bereits im Abstieg. Unterhalb des Gipfels begegnen wir um 17 Uhr 45 Kurt, der nun dem Gipfel entgegen strebt. Wir schütteln uns die Hände und auf die Frage was mit Hermann los ist‚ höre ich, er ist am Vorgipfel. Dann gehen wir wieder unserer Wege. Fritz ist im Abstieg bereits voraus, während ich von den verschiedenen Steinen des Gipfelgrates kleine Stücke mühevoll in meinen Anorak stecke. Kurz bevor ich den Vorgipfel erreiche, begegne ich Hermann. Trotz der späten Stunde hat er sich für den Gang zum Hauptgipfel entschlossen. Damit geht unser wohl großer und unbescheidener Wunsch, alle auf den Gipfel zu stehen, in Erfüllung.

Hermann Buhl am Vorgipfel © Marcus Schmuck
Hermann Buhl am Weg zum Vorgipfel © Marcus Schmuck

  In beiden Richtungen wird weiter auf das Letzte geeilt. Oft sitze ich im Schnee um Organe und Glieder in Einklang zu bringen. Unten in der Scharte ist bereits Fritz im letzten Sonnenlicht und verlängert das Seil um uns den Abstieg zu erleichtern. Um 19 Uhr erreiche ich die Scharte. In Eile und Gefahr halte ich mich an der Perlonreppschnur und steige so schnell als möglich danach hinunter. Einige Male muß ich anhalten um nicht den Atem zu verlieren. Fritz sehe ich 200m tiefer in der Mulde sitzen, er ist beim Rucksack, dort ist ein Schluck Tee, das ist der Gedanke, der mich beschäftigt. Ungeheuer ist die Trockenheit in Mund und Schlund. Vorsichtig taste ich mich den Eiswulst unterhalb der Scharte hinunter, dann stehe ich in der steilen Schneeflanke. Am Hosenboden sitzend, mit dem Pickel bremsend, fahre ich in die Mulde hinein. Der Rucksack, die
Thermosflasche, der Schluck Tee und darauf unzählige Atemzüge mit begrenzter Rast - eine Erholung.

Auf dem 2.500m tiefer liegenden Godwin Austengletscher herrschen längst die Schatten der Nacht, die Gipfel leuchten noch im fahlen Weiß ihres Schnees, während der Mond über den Grat des Broad Peak herunterleuchtet. Eine helle Nacht unser Glück. Ich halte mich an den Spuren von Fritz. Unzählige Male falle ich nach rückwärts, um mich von den Anstrengungen des Abstieges zu erholen. Am Rücken liegend in die Sterne schauend bin ich doch glücklich über unser Schicksal. Immer näher rücke ich dem Lager III, weiches sich am Eisknie deutlich vom Abgrund abhebt. Still ist es um das Lager. Ich werfe Schistock und Eispickel hinter unser Zelt, lege Steigeisen, Überhosen und Anorak noch ab und winde mich durch die Öffnung ins Zelt. Fritz liegt bereits im tiefen Schlaf.

Im verschneiten Schlafsack liegend freue ich mich über unser Glück, den vierten Gipfel über achttausend Meter für die Farben unseres Heimatlandes, bei dem Ringen um die höchsten Weltberge, erstiegen zu haben.

Beunruhigt über die noch im Abstieg befindlichen Kameraden, überwältigt, jedoch von der Müdigkeit, beende ich gegen 1 Uhr den für uns so bedeutenden Pfingstsonntag mit einer unruhigen Nacht in 6.950m Höhe.

Der offizielle Bericht n° 8 der österreichischen ÖAV Karakorum Expedition 1957 wurde im Basislager von Marcus Schmuck diktiert und auf einer Olympus Reiseschreibmaschine von Fritz Wintersteller geschrieben. Eine orginalgetreue Kopie dieses Berichts können Sie hier mit Kreditkarte oder PayPal kaufen.

 

 

Lager III in 6950m Höhe © Fritz Wintersteller

Lager III in 6950m Höhe

© Fritz Wintersteller

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